Mamas letzte Fahrt

Ihr Leben war schwer, nicht weniger ihr Sterben. Bis im Herbst 1944 das kranke Herz endgültig zu schlagen aufhörte, hatte es sich Monate und Jahre verzweifelt weitergequält, flackernd wie eine verlöschende Kerze. Damals wohnten wir alle schon bei Mimi in Jügesheim. Mama war nicht bereit aufzugeben, denn sie wollte den Tag noch erleben, wo sie hätte sagen können: »Wir haben es geschafft! Von heute an brauchen wir keine Angst mehr zu haben.«

Wer von uns kannte dieses Gefühl: keine Angst mehr haben? Wir Kinder hatten es nie erlebt, Mama und Papa hatten es bestimmt vergessen, doch wie oft hatten wir uns den Tag ausgemalt, an dem wir frei sein würden von Angst.

Mama hätte es verdient, nach all dem, was sie an Ängsten durchlitten hat, und sie würde den Tag erlebt haben, ganz sicher, wenn dort, wo über Leben und Tod entschieden wird, noch ein Funke Gerechtigkeit wäre.

Was ich mich bei der lebenden Mama nie getraut hatte, holte ich jetzt bei der toten nach. Ich konnte ihr endlich einmal meine ganze Liebe und Zuneigung geben, und sie hatte Zeit, sie entgegenzunehmen. Ich nahm ihren Kopf in die Hände, strich ihr die grauen Haarsträhnen aus dem Gesicht, schloß ihr die Augen und küßte sie, das erste Mal. Papa weinte fassungslos, fragte schluchzend: »Was soll jetzt aus uns werden?« und warf sich über die tote Mama. Wir andern gingen hinaus und ließen ihn allein mit seinem Schmerz.

Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, Mama nicht in Jügesheim, sondern in Frankfurt beerdigen zu lassen. Natürlich nicht auf dem jüdischen Friedhof, weil das ja nicht ging. Aber auch auf einem Christenfriedhof war das Ende 1944 nicht so einfach. Durch einen Telefonanruf beim Frankfurter Bestattungsamt erfuhr ich, daß man in Frankfurt kaum noch imstande war, alle Menschen, die eines natürlichen Todes gestorben und die im Bombenhagel alliierter Luftangriffe getötet worden waren, ordentlich zu bestatten. Deshalb hatte man strenge Anweisung erteilt, keine Leichen von außerhalb anzunehmen, und alle Gemeinden waren angewiesen, keine Überführungen mehr zu genehmigen.

Ausgerechnet in diesem für das Schicksal unserer Familie vollkommen unwichtigen Punkt - schließlich war es doch gleichgültig, ob Mama ihre letzte Ruhe auf einem christlichen Friedhof in Jügesheim oder in Frankfurt fand -, ausgerechnet da rührte sich bei mir der Widerstand: Mama sollte nach Frankfurt, mit oder ohne Genehmigung.

Auch wenn es noch so dumm und unvernünftig, vielleicht sogar riskant war, ich konnte nicht anders. Das erste Mal durfte ich allein bestimmen, denn man überließ mir sofort die Führungsposition in der Familie, die Mama bis zu ihrem Tod in Händen gehalten hatte. Ich mußte bei der ersten Gelegenheit eine Entscheidung treffen, die Mama bestimmt nicht getroffen hätte. Oif Zeluches - wie sie gesagt haben würde und was so viel heißt wie »jetzt erst recht« oder »und wenn es euch allen nicht paßt« - oif Zeluches sollte Mama nach Frankfurt.

Im Oktober 1944, als Tag und Nacht amerikanische und britische Flugzeuge in Deutschland einflogen und ihre Bomben auf Städte und Dörfer warfen, war es nicht einfach, jemanden zu finden, der sich bereit erklärte, die Leiche nach Frankfurt zu überführen. Die Fahrt von Jügesheim über Offenbach dauerte mit einem Pferdewagen gut drei Stunden. Genau genommen, waren es aber keine drei, sondern sechs Stunden, drei hin und drei zurück, den Aufenthalt in Frankfurt gar nicht eingerechnet und auch nicht die Verzögerungen durch Fliegeralarm, mit dem täglich gerechnet werden mußte.

Die einzig mögliche Beförderungsart war die mit Pferden, denn in dieser Phase des Kriegs gab es für solcherlei Privatfahrten schon längst kein Benzin, keine Autos und auch keine Sondergenehmigungen mehr.

Allein der Dorfschreiner Franz Winter, der gleichzeitig Sargmacher und Leichenbestatter der Gemeinde Jügesheim war, kam für diesen Leichentransport in Frage, denn ihm gehörte der schöne ebenholzglänzende Leichenwagen mit den gekreuzten silbernen Palmblättern an den Seiten und auf der Rückfront, der in der Remise neben der Leichenhalle stand.

Als er und sein Geselle zu uns ins Trauerhaus kamen, um Mama einzusargen, mußten sie den Sarg im unteren Flur abstellen und den in das Bettlaken eingehüllten Leichnam die schmale Treppe hinuntertragen. Dabei wurde der leblose Körper stark gekrümmt, und aus dem Mund der toten Mama preßte sich ein schrecklicher Ton, der wie ein tiefes Schnaufen klang. Als der Schreiner den Sarg schloß, nutzte ich die Gelegenheit, ihn danach zu fragen, ob er die Tote - natürlich für ein gutes Geld - nach Frankfurt überführen wolle.

Ob man so etwas schon gehört habe, entrüstete er sich, mit dem Leichenwagen bis nach Frankfurt! Warum ich denn nicht gleich nach Amerika wolle! Wie ich mir das überhaupt vorstelle, wo dauernd die Bomber einflögen. Ich sei doch aus Frankfurt, da müsse ich eigentlich wissen, was sich dort und auch in Offenbach abspiele und nicht zuletzt im Frankfurter Osthafen, wo wir ja auch durchfahren müßten. Dieses Risiko gehe er nicht ein, fuhr der Schreiner fort, und wenn ich ihn noch so gut dafür bezahle, ich solle mir die Idee, meine Mutter in Frankfurt zu beerdigen, aus dem Kopf schlagen, die habe draußen auf dem Jügesheimer Friedhof genauso ihren Frieden wie in Frankfurt.

Aber die Überführung nach Frankfurt war inzwischen schon zu einer Machtprobe mit mir selbst geworden, ich kam nicht mehr davon los. Darum ging ich am Abend noch einmal zu dem Schreiner und Leichenwagenbesitzer, in der Tasche eine Flasche Schnaps, wohlbehütet seit langem zur Erledigung besonders schwieriger Angelegenheiten.

Meine Lügengeschichte vom letzten Wunsch der Mama, in Frankfurt zur Ruhe gebettet zu werden, der Schnaps und ein Hunderter mehr verfehlten nicht ihre Wirkung; und was ich kaum noch zu hoffen gewagt hatte: der Schreiner ließ sich überreden, Mama mit seinem Leichenwagen auf den Frankfurter Hauptfriedhof zu bringen. Er fragte nicht einmal danach, ob alle für die Überführung notwendigen Papiere vorhanden seien. Das setzte er als selbstverständlich voraus.

 

Am 24. Oktober in der Frühe fuhren wir los. Es regnete und es war kalt. Ich saß neben dem nicht sehr gesprächigen Schreiner auf dem Kutschbock und fror. Ich glaubte, ständig den Blick von Mama auf meinem Rücken zu spüren, und wenn ich daran dachte, was sie zu einer solchen Überführung gesagt haben würde, dann beschlich mich ein unangenehmes Gefühl. Ich drehte mich immer wieder um in der Erwartung, Mama könne mir vielleicht doch noch etwas zu sagen haben, und mich fror noch stärker.

 

Ich weiß, Mama, du würdest mit den Fäusten gegen den Sargdeckel getrommelt haben, wenn du gewußt hättest, was die Überführung gekostet hat und daß ich obendrein ohne Genehmigung losgefahren bin. »Meschugge seid ihr - alle miteinander!« So würdest du sagen. »Soviel Geld zum Fenster hinauszuwerfen. Für was? Für ein Gojimnaches (: eine Narrheit, die man eigentlich nur Nicht-Juden (Gojim) zutraut.)? Was willst du? Dir die ewige Seligkeit erwerben, wenn du meine Leiche spazierenfährst? Oder was sonst? Glaub ja nicht, das ist eine Heldentat, so mir nichts, dir nichts nach Frankfurt zu fahren, und noch ohne Papiere.« Und dann wäre bestimmt dein immer wiederkehrender Vorwurf gekommen: »Als ob wir nicht schon genug Zores hätten!«

Und wieder, wie so oft in früheren Zeiten, hättest du recht gehabt, Mama. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Wenn ich es genau überlege, hatte ich in deiner Nähe immer ein schlechtes Gewissen. Warum eigentlich?

Ich will jetzt nicht mit dir darüber streiten, was ich richtig und was ich möglicherweise falsch gemacht habe. Dazu ist der Anlaß, die Fahrt mit dem Leichenwagen nach Frankfurt, viel zu traurig. Aber könntest du mir wenigstens sagen, Mama: Warum eigentlich hast du mir nur das Vorsichtigsein, das Verstecken, das Unscheinbarwerden beigebracht, immer nur den Rückzug, das Entschuldigen, das Ducken und Schweigen, so daß ich schließlich den ganzen Tag mit einem schlechten Gewissen herumlief?

Du hast uns zu Duckmäusern erzogen. Ja, auch wenn du jetzt die Finger beider Hände krümmst, als umfaßten sie unsichtbare Kugeln, und beschwörend auf mich einredest: »Um des Überlebens willen, Walja! Doch nur um des Überlebens willen!« Mag sein. Trotzdem kann ich dir den Vorwurf nicht ersparen. Hättest du mir nur ein einziges Mal gezeigt, wie man draufschlägt!

Du warst eine jüdische Mamme, wie sie im Buch steht. Für deine Familie hättest du dich in Stücke reißen lassen. Aber irgend etwas stimmte nicht, sonst hättest du nicht so viel falsch machen können. Lag es vielleicht daran, daß du deine südrussische Welt in die Kaiserhof Straße verpflanzen wolltest?

In einem Meer von Lügen hast du uns schwimmen gelehrt und uns das Lügen zum Lebenselement gemacht. Natürlich kamen noch tausend Zufälle und einige Wunder hinzu, doch ohne die Lügen hätten auch die Wunder nichts genützt, um unser Leben zu retten. Aber was war das für ein Leben!

 

Der Weg nach Offenbach zog sich endlos. Der Nieselregen hörte nicht auf, und der Schreiner schob den Kopf immer tiefer in den hochgestellten Mantelkragen und fluchte über das Wetter, die Pferde und die Fuhre. Anfangs hatte er ab und zu ein paar Worte mit mir gewechselt. Jetzt sprach er, wenn er nicht gerade fluchte, nur noch mit den zwei mageren Rappen vor dem Leichenwagen, beschwerte sich bei ihnen, nicht bei mir; und diese nickten im Schritt mit den Köpfen, als verstünden sie ihn und stimmten ihm zu. Dann schlug er auch mal mit der Peitsche lässig auf den schwarzen Regenschutz aus Wachstuch, den er, als der Regen stärker wurde, den beiden Pferden übergelegt hatte. Das gab jedesmal einen hellen Ton, vor dem die Pferde erschraken und deshalb für kurze Zeit etwas schneller gingen; bald aber fielen sie in den alten Trott zurück.

Mit mir sprach der Schreiner gar nicht mehr, er war offenbar brojges (: mit jemandem böse sein) auf mich. Ich wußte nicht, warum, es könnte höchstens sein, daß es ihm jetzt leid tat, ja gesagt zu haben, oder daß er für das schlechte Wetter mich verantwortlich machte.

Sollte er nur brojges sein, dann störte er mich auch nicht in meiner stummen Zwiesprache mit Mama. So konnte ich meinen Gedanken nachhängen.

Mir war schrecklich elend zumute. Wie gerne hätte ich geweint, dann wäre vielleicht alles leichter gewesen, aber in dieser Stunde auf dem Weg nach Frankfurt mit der toten Mama im Rücken konnte ich nicht weinen. Ich hatte nur ein Gefühl, als sei mir die Brust zugeschnürt.

 

Auf dem ersten Teil der Strecke ließ mich noch das Ächzen des Sarges bei jeder Unebenheit der Landstraße erschrecken. Am liebsten hätte ich den Kutscher am Ärmel gezupft und ihm gesagt: »Kannst du nicht etwas vorsichtiger fahren, Mama liegt doch hinten drin.« Nach eineinhalb Stunden Fahrt aber war es mir fast gleichgültig, was sich um mich herum abspielte, der Sarg war weit weg. Zeitweise vergaß ich sogar, an die tote Mama zu denken.

Ich war müde und hatte nur noch den Wunsch, mich davonzustehlen und mich irgendwo hinzulegen, zu schlafen und zu vergessen.

Das häßliche zerbombte Offenbach, dessen schmutziggraue Häuserfassaden im Regen noch trostloser wirkten, empfing uns in der gleichen Grundstimmung, in der ich mich befand. Trauer lag über der Stadt. Aber nicht schwarz war die Farbe der Trauer wie unser in der Nässe etwas zu provozierend glänzender Leichenwagen, sondern grau, staubgrau; so war auch die Farbe des Himmels und des Mains und der wenigen Menschen, denen wir begegneten. Eine alte Frau blieb auf dem Bürgersteig stehen und bekreuzigte sich schnell. Das tat sie wohl immer beim Anblick eines Leichenwagens, so wie wir Buben einst beim Anblick eines Schimmels schnell die Daumenkuppe der linken Hand mit Spucke naß machten und sie fest in der rechten Handfläche drehten, das brachte Glück, oder beim Anblick eines berittenen Polizisten furzten, und wenn's auch nur ein winzig kleines Fürzchen war, damit hatten wir vorgesorgt, daß uns an diesem Tag nichts mehr passieren konnte.

Wir kamen ohne Störung durch die Stadt und mußten über die Fechenheimer Brücke auf die andere Mainseite. Genau auf der Brücke gab es Fliegeralarm. Wir hatten trotzdem noch einige Minuten Zeit, denn es war erst Voralarm.

»Sollen wir zurück?« fragte der verängstigte Schreiner. »Nein, vorwärts«, sagte ich, »zum Fechenheimer Bunker ist es nicht weiter als zurück nach Offenbach.« Da schlug er den Pferden mit der Peitsche links und rechts in die Flanken, schrie »Hüh«, und die bereits müden Pferde setzten sich widerwillig in einen gemächlichen Trab. Der Sarg rumpelte etwas stärker, und Mama kam mir wieder in Erinnerung, die arme Mama, deren letzter Ausflug in dieser Trostlosigkeit enden sollte.

Als wir den Luftschutzbunker erreichten, war schon wieder Entwarnung. Trotzdem hielten wir an, und der Schreiner gab den Pferden zu trinken. Dann ging es weiter. Wenig später kamen wir zu einer wichtigen Straßenkreuzung an der östlichen Ausfallstraße Frankfurts. Ich hatte gehofft, diesen Punkt, an dem immer Kontrollen waren, umfahren zu können. Aber die Seitenstraße war durch Bombentrichter und mehrere zerstörte Häuser unbefahrbar.

Es gab nunmehr keinen anderen Weg als den über die Mainkur, so hieß diese Stelle. Ich hatte starkes Herzklopfen und war gleichzeitig gespannt, was passieren würde, denn schon von weitem hatte ich die Feldgendarmen mit den roten Kellen entdeckt, die alle Fahrzeuge kontrollierten. Dem mürrischen Schreiner hatte ich weder etwas von den fehlenden Überführungspapieren noch von meinen Sorgen wegen der kontrollierenden Soldaten gesagt. Wir reichten ihnen unsere Pässe und den vom Arzt ausgestellten Totenschein. Meinen Staatenlosenpaß, das war ich mittlerweile schon gewöhnt, begutachteten die beiden Soldaten lange, einer blätterte die Seiten durch, schaute sich das Lichtbild an, dann mich, und gab ihn mir mit einem nicht ganz zufriedenen Gesicht zurück. Der Schreiner mußte absteigen und den Leichenwagen öffnen, damit sich die Soldaten überzeugen konnten, daß wir weder Schwarzmarktware noch einen lebendigen Menschen in die Stadt schmuggeln wollten. An dem Leichentransport selbst hatten sie nichts zu beanstanden, entweder kannten sie die Bestimmungen nicht oder betrachteten den Totenschein als Überführungspapier. Einer fragte nur noch, während er das Blatt zusammenfaltete und mir zurückgab, mit Anteilnahme, ob das meine Mutter sei und auf welchen Friedhof wir wollten, und er war zufrieden, als ich ihm den Hauptfriedhof nannte, es war der nächstgelegene, und wir konnten weiterfahren.

Nun waren wir im Stadtgebiet, niemandem würde es hier einfallen, einen Leichenwagen zu kontrollieren. Es hatte zu regnen aufgehört, und so war die Einfahrt der toten Mama in Frankfurt doch ein wenig freundlicher als die Fahrt von Jügesheim bis zur Stadtgrenze.

Eine halbe Stunde lang ging es nun über das Kopfsteinpflaster der Hanauer Landstraße stadteinwärts. Es war eine scheußliche Strecke. Die Pferdehufe knallten auf das Pflaster, der Wagen wurde durchgeschüttelt und ächzte in einem fort, und der Hintern schmerzte mich trotz der Decke, die auf der Sitzbank ausgebreitet war.

Mitten in dem engen Straßengewirr Bornheims gab es Vollalarm. Wir fuhren zum nächsten öffentlichen Luftschutzkeller, der Schreiner band die Pferde an eine Laterne fest, und wir gingen in den Keller hinunter.

Was würde geschehen, ging es mir durch den Kopf, während wir eingezwängt inmitten der meist älteren, verängstigten Menschen saßen, die gleich uns hier unten in dem feuchten Kellergewölbe Schutz suchten, wenn in der Nähe Bomben fielen, was doch leicht möglich war, und die Pferde sich losrissen? Ich stellte mir vor, wie die beiden wild gewordenen Rappen mit der toten Mama kutscher- und zügellos durch die Bornheimer Straßen jagten und der Leichenwagen womöglich in einer Kurve umstürzte - und ich wurde von Minute zu Minute nervöser.

Ich erinnere mich noch, daß eine Frau aufgeregt in den Luftschutzkeller in der Wittelsbacher Allee kam, wo wir saßen, und fragte, wer der Kutscher des Leichenwagens sei. Als sich der Schreiner von Jügesheim bemerkbar machte, überhäufte sie ihn mit Vorwürfen, warum er den Wagen nicht hundert Meter weiter abgestellt habe, ob er denn wolle, daß der Tod auf dieses Haus gelenkt werde. Das wollte er natürlich nicht. Die Menschen im Keller schwiegen. Offenbar fand keiner die Bemerkung dumm. Und ich möchte nicht wissen, wie viele im stillen wirklich dachten: Hätte er seinen Leichenwagen doch hundert Meter weiter abgestellt!

Wir hatten Glück, an diesem Vormittag fielen keine Bomben auf Bornheim. Eine halbe Stunde später war Entwarnung.

Da wir uns bereits dem Hauptfriedhof näherten, konnte ich es nicht mehr hinauszögern, den Schreiner darüber aufzuklären, daß ich weder eine Überführungsgenehmigung noch eine Bestätigung des Frankfurter Bestattungsamtes zur Beerdigung des Leichnams hatte. Ich mußte es ihm vor der Ankunft auf dem Friedhof sagen, denn mein Plan, wie ich den Sarg mit der toten Mama in Frankfurt loswerden wollte, schloß, wenn es die Umstände verlangten, die Mitwirkung des Jügesheimer Sargschreiners und Leichenbestatters Franz Winter ein.

Doch so schlimm, wie es dann kam, hatte ich es mir nicht vorgestellt. Der Schreiner war außer sich, wollte auf der Stelle umdrehen und nach Jügesheim zurückfahren. Er lenkte die Pferde an den Straßenrand und hielt den Wagen an. Ich versuchte vergeblich, ihn zu beruhigen. Auf dem Bürgersteig wurden bereits die Leute auf uns aufmerksam. Es war mir äußerst unangenehm.

Diese heftige Reaktion des Schreiners war typisch für die damalige Zeit. Er war zu Tode erschrocken, etwas getan zu haben - wenn auch ahnungslos und gegen seinen Willen -, was behördlichen Anordnungen zuwiderlief. Nach zehn Jahren Faschismus war in den Deutschen nichts so ausgeprägt wie die Angst vor der Partei und der staatlichen Gewalt. Geringste Verstöße und Verbotsüberschreitungen wurden wie Kapitalverbrechen empfunden und meist auch so geahndet. Und entsprechend reagierten die Menschen. Ihr Verhältnis zueinander und ihr Verhalten gegenüber den offiziellen Partei- und Staatsorganen war von der Angst bestimmt.

Auch ich lebte viele Jahre in Angst - in einer ganz anderen Angst, denn mein und meiner Familie Zittern vor dem Entdecktwerden ist nicht vergleichbar mit den Ängsten der deutschen Bevölkerung im Dritten Reich. Trotzdem und vielleicht auch gerade darum war ich später bemüht, für diese Ängste ein wenig Verständnis zu finden.

Auch der Schreiner wurde von dieser Angst beherrscht. Er wollte unter keinen Umständen etwas mit der Polizei zu tun haben. Seine größte Sorge war, man könne seinen Leichenwagen beschlagnahmen. Es gelang mir nicht, ihm das auszureden, so sehr ich mir auch Mühe gab. Allmählich beruhigte er sich, schien einzusehen, daß er jetzt nicht mehr einfach zurückfahren könne. Er fragte mich, wie es nun weitergehen solle.

 

Vielleicht fünfzig Meter neben dem neuen Haupteingang zum Friedhof befand sich ein etwas kleineres Tor, durch das stets die Leichenwagen einfuhren. Dieses Tor, so hatte ich beobachtet, war tagsüber nicht verschlossen, und die Fahrzeuge wurden bei der Einfahrt nicht kontrolliert. Die Überprüfung der amtlichen Papiere geschah sicherlich erst an der Rampe der dahinterliegenden Leichenhalle, wo die Särge abgestellt wurden.

Darauf baute sich mein Plan auf. Ich wollte an der Rampe der Leichenhalle vorfahren, mit dem Schreiner zusammen den Sarg abstellen und die Arbeiter des Bestattungsamtes, sollten sie nach den Papieren fragen, so lange hinhalten, bis Franz Winter mit seinem Leichenwagen wieder abgefahren war. Er hatte von mir die Anweisung, unverzüglich das Friedhofsgelände zu verlassen, sowie der Sarg abgeladen sei. Was konnte die Friedhofsverwaltung anders tun als den Leichnam behalten? Ich war ganz sicher, daß man mir den Sarg nicht auf die Straße stellen, sondern nach dem zu erwartenden Gezeter notgedrungen abnehmen mußte, das heißt, ich würde auch eine Grabstelle bekommen. Im ungünstigsten Fall rechnete ich mit einer Geldstrafe.

Wir fuhren also durch das Tor und schnurstracks zur Leichenhalle. Schnell sprangen wir vom Bock, holten den Sarg heraus, ich entschuldigte mich bei Mama für die Hektik, in der ich mich von ihr trennen wollte oder auch mußte, und ein Friedhofswärter, der in einem grünlichgrauen Arbeitskittel am Eingang zum Leichenschauhaus stand, half uns, den Sarg auf einen Rollbock zu heben.

Der Friedhofswärter verlangte die Totenpapiere zu sehen. Ich kramte umständlich den vom Arzt ausgestellten Totenschein heraus und hielt ihn dem Mann entgegen. Der fragte, immer noch freundlich, nach den anderen Papieren. Ich zögerte ein wenig. Er wiederholte, nun bereits ungeduldig, er wolle die weiteren Papiere sehen, und da gab ich wahrheitsgemäß zur Antwort, daß ich keine anderen Papiere besäße, nicht mal eine Sterbeurkunde.

Mittlerweile war der Sargschreiner wieder auf seinen Kutschbock gestiegen und wollte davonfahren. Im gleichen Moment schien der Beamte meinen Trick durchschaut zu haben. Er wechselte die Stimme, drehte sich auf dem Absatz herum und herrschte den Schreiner an, er habe hier zu bleiben, bis die Angelegenheit mit den Papieren geklärt sei.

Franz Winter war natürlich viel zu langsam gewesen, er hätte schon längst wegfahren sollen. Nun aber saß er fest. Diese Situation hatte ich nicht bedacht.

Der Friedhofswärter wandte sich jetzt wieder, sehr erregt und mit lauter Stimme, zu mir. Es sei ihm strengstens untersagt, Tote ohne ordnungsgemäße Papiere und vorheriger Anmeldung beim Bestattungsamt anzunehmen. Wir müßten den Sarg wieder aufladen. Natürlich verstand ich ihn, er konnte gar nicht anders. Trotzdem erwiderte ich, das komme überhaupt nicht in Frage, wir seien alte Frankfurter und hätten ein Recht darauf, die Tote auf einem Frankfurter Friedhof zu beerdigen. Ich log ihm vor, man habe mich vom Bestattungsamt telefonisch beschieden, die Leiche auch ohne Überführungspapiere hierher zu bringen, und mir zugesagt, eine Beerdigung auf dem Hauptfriedhof schon irgendwie zu ermöglichen.

Der Friedhofswärter ließ sich auf nichts ein. Die Leute von der Verwaltung müßten sich genauso nach den Vorschriften richten wie er, und damit basta. Er wurde immer erregter und wußte nicht, wie er sich verhalten sollte. Gewiß war ihm ein solcher Fall noch nicht vorgekommen. Theoretisch durfte es keinesfalls so sein, aber praktisch stand dort auf dem Rollbock der dunkelbraune Holzsarg mit der toten Mama. Er war, trotz Verbots, ein Faktum. Der Friedhofsangestellte schaute noch einmal, völlig überflüssigerweise, auf den Totenschein und meinte dann, unter keinen Umständen werde er die Tote annehmen, wer sie auch sei, wenn nicht die Genehmigung der Verwaltung vorliege. Das sah ich ein, und ich war damit einverstanden, zur Klärung der Angelegenheit mit ihm ins gegenüberliegende Verwaltungsgebäude zu gehen. So gewann ich eine kleine Spanne Zeit.

Ich blickte nach dem Schreiner auf dem Kutschbock, in welcher Verfassung er sich wohl befinde - und war überrascht. Er blinzelte mir mit einem pfiffigen Gesichtsausdruck zu, als wolle er mir zu verstehen geben, daß es an ihm nicht liegen solle, unsere Aktion doch noch erfolgreich abzuschließen, er werde sich schon zu helfen wissen. So aufgekratzt, ja geradezu fröhlich war er den ganzen Vormittag nicht gewesen. Ich verstand Franz Winter nicht mehr und war bereit, ihm die mürrischen Stunden zwischen Jügesheim und Offenbach zu vergeben. Gerne hätte ich ihm noch gesagt, daß er sich die ewige Seligkeit erwerben werde, wenn alles noch klappte.

 

Es lohnt fast nicht mehr, das, was sich im Büro der Friedhofsverwaltung abspielte, niederzuschreiben, so reibungslos verlief alles. Der zuständige Beamte machte mir, wie nicht anders zu erwarten, ebenfalls Vorhaltungen, daß nicht jeder mitten im Krieg auf eigene Faust seine Toten durch die Gegend karren und dorthin bringen könne, wo es ihm gerade beliebe, schließlich gebe es klare Anweisungen, wie man sich in einem solchen Fall zu verhalten habe. Meine Handlungsweise sei zu tadeln.

Aus seinem Tonfall war aber herauszuhören, daß er mir das rein formell zu sagen hatte, von Amts wegen. Er schickte die beiden Friedhofswärter weg mit dem Versprechen, die Angelegenheit in Ordnung zu bringen, ließ mich Platz nehmen und fragte, was nun geschehen solle.

An den weiteren Verlauf des Gesprächs kann ich mich nicht mehr erinnern, jedenfalls erhielt ich die Genehmigung zur Bestattung auf dem Hauptfriedhof und sogar - trotz Überlastung des Krematoriums - kurzfristig noch eine Feuerbestattung, wie ich es wünschte, und ein Urnengrab.

Dem Beamten, der von vornherein Bereitschaft zeigte, mir zu helfen, war die Entscheidung dadurch erleichtert worden, daß unsere Familie sich bei der Evakuierung nach Jügesheim nicht offiziell in Frankfurt abgemeldet hatte. Das bestätigte ihm das Einwohnermeldeamt telefonisch.

Dieses Verhalten eines Beamten während der Hitlerzeit muß dennoch als außergewöhnlich bezeichnet werden. Im Normalfall, wenn dann auch der Sarg mit dem Leichnam schließlich in Frankfurt geblieben wäre, hätte der Beamte mich mehrere Tage lang auf allen möglichen Ämtern zur Beschaffung der fehlenden Unterlagen herumjagen und mir am Ende noch zu einer hohen Geldstrafe verhelfen müssen.

 

In der Zwischenzeit handelte der Dorfschreiner und Leichenbestatter Franz Winter endlich einmal richtig. Als wir im Verwaltungsgebäude verschwunden waren, hatte er kurzerhand seinen Rappen die Peitsche gegeben und ohne Behinderung das Friedhofsgelände durchs offene Hauptportal verlassen. Bis zur Mainkur, so berichtete er mir einige Tage danach, habe er die Pferde zur Eile angetrieben, dann aber sei er sicher gewesen, daß ihn niemand mehr zurückholen oder ihm den Sarg nachtragen werde, und er habe sich dann Zeit genommen. Gleich hinter Offenbach habe er sich nach der Aufregung des Tages einen Schoppen genehmigt und noch einen zweiten. Und offenbar ist es doch sehr spät geworden, bis er zu Hause in Jügesheim die Pferde wieder ausspannen konnte.

 

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